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DER STANDARD, 17.12.2005, Seite 40, Wissenschaft  

Schulischer "Lückenbüßer" Ethik

Gedacht als Ergänzung für Religion, ist der Ethikunterricht nach wie vor nur ein Schulversuch. Experten forderten bei der Standard-"Debatte im Dschungel" eine Aufwertung.  Peter Mayr

Wien - Der Politologe Anton Pelinka braucht nur ein Wort, um den Stellenwert des Ethikunterrichts in Österreich zu beschreiben: "Lückenbüßer", nennt er das Fach, das neben dem Religionsunterricht den Kindern Ethik erklären und näher bringen soll. In Folge der "umfassenden Säkularisierung" sei dem Ethikunterricht eine Ersatzfunktion zugewiesen worden - "und das finde ich sehr schade".

Seit circa acht Jahren ist das Fach ein Schulversuch, der darauf wartet, in den Regelunterricht übernommen zu werden. Mehr als 100 Schulen bieten einen Ethikunterricht an, meist sind es zwei Stunden pro Woche.

Pelinka, auch Vorsitzender der Initiative Weltethos Österreich, diskutierte mit vier weiteren Experten Donnerstagabend unter der Leitung von STANDARD-Wissenschaftsredakteur Andreas Feiertag über Ethik- und Religionsunterricht. Alle fünf Diskutanten waren sich bei der "Debatte im Dschungel" im Wiener Museumsquartier einig: Der Ethikunterricht gehört möglichst rasch aufgewertet.

Nur in Nuancen wurde in dieser Frage anders gedacht. Ulrich Körtner, Ordinarius für Systematische Theologie, sprach sich etwa dafür aus, den Philosophie-Unterricht zu stärken, wobei Ethik eine "Querschnittsmaterie" sei, die sich in allen Schulfächern wiederfinden müsse, sagte der evangelische Theologe.

 

Dabei, konterte der Philosoph Peter Kampits, bestünde ohne genauere Zuordnung aber die Gefahr einer "Querschnittslähmung" - nirgends geschieht etwas. Das Interesse an Ethik sei jedenfalls da, zeigte sich der Dekan der Fakultät für Philosophie an der Uni Wien überzeugt. Beweis dafür sei auch die steigende Zahl an Schulversuchen. Einig war man sich auch, dass der Ethikunterricht neben und nicht anstatt des Religionsunterrichts existieren sollte. Es gehe um Ergänzung und nicht um Verdrängung.

 

Ein Punkt, den Christine Mann, Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien, nur allzu gern aufgriff: "Das Paradigma der Ergänzung ist das Richtige." Befürchtungen, dass der Religionsunterricht unter der "Konkurrenz" leide, hätten sich nicht erfüllt. Das bestätigte Omar Al-Rawi, SP-Gemeinderat in Wien und Integrationsbeauftragter der muslimischen Gemeinde Österreichs. Gemeinsam mit Körtner forderte er, dass die Finanzierung des Faches Ethik nicht auf dem Rücken des Religionsunterrichts erfolgen dürfe. Die Verdrängung des Religionsunterrichts auf unattraktive Randstunden bedrohe gerade Minderheiten.

 

"Der Todesstoß"

 

Dass Religion überhaupt nichts in Schulen eines säkularen Staates verloren hätte und die Kinder nicht freiwillig zum Unterricht kämen, wie ein Zuhörer meinte, bestritten die Kirchenvertreter naturgemäß. Ein Aus in den Schulen sei "der Todesstoß für Minderheiten", sagte Al Rawi. Und Mann: "Ich könnte auch fragen: ,Wer geht überhaupt gern in die Schule?'" Religion sei das einzige Pflichtfach, von dem man sich abmelden könne - "trotzdem gehen sehr viele hin" - in Zahlen gegossen: Auf 3000 Schüler, die laut Bildungsministerium 2003/2004 am Ethikunterricht teilgenommen haben, kamen 812.000, die den römisch-katholischen Unterricht besuchten.

 

Man dürfe den Ethikunterricht daher auch nicht "mit Defiziten, die er ausgleichen soll" überfrachten, sagte Körtner. Den immer lauter werdenden Ruf der Gesellschaft nach Ethik erklärte er als "Krisensymptom, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt". Doch weder Ethik-noch Religionsunterricht hätten das Monopol für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

 

Dazu auch Kampits: "Auf verschiedene moralische Probleme sind verschiedene Antworten möglich."  

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